Schonend gefüllt: keimarme und aseptische Techniken in der Getränkeindustrie
Vorbei ist die Übersichtlichkeit der Produktkategorien in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie. Was früher gelöffelt wurde, kann heute auch getrunken werden, wie Trinkjoghurts und flüssige Frühstückszubereitungen mit festem Ballaststoffanteil beweisen. Säfte und Milchprodukte, ursprünglich zwei separate Produktgruppen, finden sich ganz selbstverständlich in einer Flasche zum Rendezvous zusammen und stoßen in die Welt der Erfrischungsgetränke vor. Molke galt im ausgehenden 20. Jahrhundert gemeinhin als Restprodukt der Milchindustrie, das nur bei wenigen Gesundheitsaposteln als Getränk durchging. Heute bildet sie zusammen mit Sojamilchprodukten, die der "Ökobewegung" vorbehalten waren, einen Träger neuer Wachstumshoffnungen.
Dass diese nicht unbegründet sind, belegen Zahlen wie sie die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt. Sie stellte fest, dass in Deutschland heute zwar insgesamt eher weniger Geld für Getränke ausgegeben wird, die Ausgaben für Milch- und Milchmischgetränke aber steigen. Im Jahr 2004 gaben die Bundesbürger 2,3 Mrd. Euro (10,6 %) ihres gesamten Getränkebudgets für Milchgetränke aus. Im Jahr 1996 belief sich dieser Anteil noch auf 1,9 Mrd. Euro (8,7 %). Der Verkauf der erwähnten Molkedrinks stieg von 28.900 t im Jahr 2000 auf 58.800 t im Jahr 2004.
Aseptik hat Unmögliches möglich gemacht
Auch die kühnsten Produktinnovationen müssen produziert und abgefüllt werden. In entsprechendem Maße sind die Anforderungen an die Prozesstechnik gewachsen und haben an Komplexität zugenommen. Eine Standardanlage für alle Produkte gibt es ebenso wenig wie einheitliche Anwenderbedürfnisse in einer Branche. Bei Getränken und flüssigen Lebensmitteln ist branchenübergreifendes Denken längst zur Notwendigkeit geworden und die Zulieferindustrie meistert die Herausforderungen mit reger Entwicklungstätigkeit und flexiblen Problemlösungen.
Einen der rasantesten Entwicklungsbereiche, der viele empfindliche Neuschöpfungen erst ermöglicht hat, bildet die Kaltaseptik. Ohne sie wäre eine schonende und hinreichend hygienische Abfüllung vieler exotischer Getränkekombinationen nicht ohne Weiteres möglich. So wurde durch die Desinfektion des Packmittels mit Hilfe von Peressigsäure in einem keimfreien Umfeld die Möglichkeit geschaffen, auch empfindliche Produkte ohne Pasteurisation abzufüllen und dem Verpackungsmaterial PET erweiterte Anwendungsfelder zu erschließen. Die Minimierung des Reinraumvolumens auf mittlerweile weniger als einen Liter pro Flasche verbesserte Sicherheit und Wirtschaftlichkeit.
Mit dem derzeitigen Trend zur Entkeimung mit Wasserstoffperoxid wurden wiederum neue Einsparpotenziale und weitere technologische Perspektiven eröffnet. Die so genannte "trockene" Aseptik beruht auf dem Ein- und Aufsprühen von Wasserstoffperoxid, das mit heißer, steriler Luft verdampft wird und so aktiven Sauerstoff abspaltet. Bei entsprechender Behandlungszeit werden sämtliche Keime abgetötet und der Peroxidnebel trocknet rückstandslos ab. Im Vergleich zu herkömmlichen Aseptikkonzepten verursacht das Verfahren geringere Betriebskosten bei kleinerer Anlagengrundfläche. Die automatische, formatteilfreie Umrüstung auf andere Gebindeformen und -größen bildet einen weiteren Pluspunkt moderner Abfüllkonzepte, da neben der unproduktiven Umrüstzeit auch der kostspielige Eingriff in den Reinraum mit nachfolgender Sterilisation entfällt.
Angepasste Technologie senkt die Kosten
Die Anbieter von Abfülltechnik sehen ihre Aufgabe heute nicht mehr darin, dem Kunden möglichst viele, möglichst teuere Anlagen zu verkaufen, sondern in einer Rundumbetreuung während des gesamten Lebenszykluses ihres Produktes. Dazu gehört auch die Beratung bei der Konzeption der richtigen Anlage. Angepasste Technologie ist das Stichwort. Nicht für jede Anwendung muss gleich eine Aseptikausführung her. Je nach Produkt und angestrebter Haltbarkeit reichen oft hygienisch gestaltete Anlagen aus, die um einen Rinser, einen hygienischen Verschließer oder einen intensiveren CIP- und SIP-Prozess erweitert wurden. Frischeprodukte mit geringer Haltbarkeit oder länger haltbare ESL-Produkte (Extended Shelf Life) lassen sich mit der richtigen Konzeption kostengünstig und sicher produzieren.
Bis zu den sensibelsten Anwendungen wie Eistees, Fruchtschorlen oder Milchmischgetränken, bei denen die kaltaseptische Abfüllung obligatorisch ist, lassen sich aus den Baukästen der Hersteller individuell maßgeschneiderte Anlagen in allen denkbaren Leistungs- und Hygieneabstufungen konfigurieren. Die letzten Trends weisen in die Richtung, mehrere Sorten flüssiger Produkte auf einer Anlage gleichzeitig aseptisch abzufüllen und so die Zwischenlagerung vor einer späteren Kommissionierung zu vermeiden. Mit derartigen Konzepten kann auch flexibel auf unterschiedliche Mengenanforderungen verschiedener Geschmacksrichtungen reagiert werden.
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